Palmöl – weltweit und in der Schweiz


Ein Gastbeitrag von Julia Icking

Einmal im Jahr veranstaltet der texttreff - das Netzwerk für wortstarke Frauen, ein Blogwichteln. Dafür beschenken sich die Netzwerk-Mitglieder gegenseitig mit Blogbeiträgen. Für meinen ersten Blogbeitrag im Jahr 2019 hat sich Julia Icking, Ernährungswissenschaftlerin und freiberufliche Texterin aus Bonn zum Thema  Palmöl kundig gemacht – und insbesondere mit dem Umgang und den Regelungen in der Schweiz für dieses umstrittene Produkt auseinandergesetzt. Danke!


Palmöl ist ein umstrittenes Produkt. Einerseits weist es viele positive Eigenschaften für die Verarbeitung in Lebensmitteln auf. Ölpalmen liefern einen hohen Ertrag, es ist geschmacksneutral und fest. Andererseits ist die Erzeugung problematisch: Für den Anbau von Ölpalmen wird häufig der Regenwald gerodet und es entstehen riesige Monokulturen. Die sind schlecht für die Artenvielfalt und das Klima, zusätzlich entstehen soziale Probleme. Dazu kommt, dass in der Schweiz der Schutz der heimischen Landwirtschaft gross geschrieben wird. All das führte zu einigem Diskussionsbedarf beim Abschluss des Freihandelsabkommens mit Indonesien. Sowohl Lebensmittelindustrie als auch Bioenergie und Industrie nutzen Palmöl für ihre Produkte.

Erzeugung

Palmöl wird vor allem in Indonesien, Malaysia, Thailand und Kolumbien angebaut. Derzeit beläuft sich die weltweite Produktion auf rund 70 Millionen Tonnen pro Jahr. Immer mehr Ölpalmen wachsen auf riesigen Plantagen. In den viele Quadratkilometer grossen Monokulturen sinkt die Artenvielfalt drastisch: Orang-Utans, Nashörner und Elefanten können hier nicht leben. Ausserdem kompensiert eine Ölpalmenplantage nur einen Bruchteil des Kohlenstoffdioxids, das die gleiche Fläche Regenwald aufnehmen würde. Dazu kommen soziale Probleme, die entstehen, wenn die Kleinbauern der Region ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können. Warum?

Photo by Pablo García Saldaña on Unsplash

Verbrauch und Kennzeichnung

Deutschland verbraucht pro Jahr rund 1,8 Millionen Tonnen, von denen rund 33 Prozent in Lebensmitteln verarbeitet werden. Der Schweizer Import liegt bei rund 30 000 Tonnen pro Jahr. Das ist etwa ein Sechstel des in der Schweiz verbrauchten Pflanzenöls (Quelle: NZZ). Die Nahrungsmittelindustrie verwendet Palmöl vor allem für industriell verarbeitete Produkte: Margarine, Brot, Backwaren, Pizza, Fertiggerichte, Schokolade, süsse Brotaufstriche, Eis und Knabberwaren. Ein  hoher Verzehr dieser Produkte geht daher meist mit einer hohen Aufnahme von Palmöl einher.

Seit 2016 besteht in der Schweiz eine Deklarationspflicht für Lebensmittel, die Palmöl enthalten. Der Hinweis ist allerdings selten gut zu finden. Die Möglichkeit palmölfreie Produkte mit einem Siegel zu kennzeichnen, lehnen die Grossverteiler in der Schweiz ab. Sie sind Mitglieder des Runden Tischs für nachhaltiges Palmöl (RSPO) und geben an, fast ausschliesslich nachhaltig erzeugtes Palmöl zu verwenden. Ausserdem sei ein Verzicht nahezu unmöglich. Ein vollständiger Verzicht auf Palmöl ist ökologisch unsinnig, da andere Ölpflanzen auch Fläche brauchen. Zum Vergleich: Der Ertrag von Palmöl ist im Vergleich zu heimischem Rapsöl viermal so gross. Rapsöl bräuchte also noch viel mehr Fläche.

Importe und Freihandel

In ihrem Dossier „Palmöl und die Freihandelsabkommen mit Malaysia und Indonesien“ schreibt die Organisation „Brot für alle“, dass die Einfuhr grosser Mengen Palmöl „agrarpolitisch unsinnig“ ist. Weiter heisst es: Der in der Schweiz angebaute, sogenannten HOLL-Raps hat ähnliche Verarbeitungseigenschaften wie Palmöl. Die Entwicklung der Sorte wurde vom Bund gefördert und zielte auf den Ersatz von Palmöl ab. Da Raps ein zentraler Bestandteil des Schweizer Ackerbaus ist, steht der massenhafte Ersatz von Rapsöl durch nicht nachhaltig produziertes Palmöl in „krassem Widerspruch“ zur Agrarpolitik der Schweiz „für eine ökologische und wirtschaftlich überlebensfähige Landwirtschaft“. Soweit das Dossier.

Kein Wunder, dass es Diskussionsbedarf bei den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit Indonesien gab. Schon seit 2014 laufen die Verhandlungen über den Freihandel, der natürlich weit mehr als Palmöl umfasst. Aber am Palmöl drohten sie beinahe zu scheitern. Indonesien produziert viel Palmöl und exportiert es auch in die Schweiz. Je billiger es hierher gelangt, desto stärker die Verdrängung des heimischen Pflanzenöls, so die Vermutung. Thomas Braunschweig von Public Eye weist im Interview auf swissinfo.ch auf einen weiteren Punkt hin. „Aber es geht auch darum, ein internationales Zeichen zu setzen, dass diese Produktionsart nicht länger akzeptiert wird und schon gar nicht mit einer Zollsenkung belohnt werden darf." Im Dezember 2018 wurde das Abkommen nach über vierjährigen Verhandlungen unterzeichnet. Zum Thema Palmöl  enthält es Regelungen über Kontingente und begrenzte Zollerleichterungen, aber auch den Hinweis, dass vor allem nicht nachhaltig produziertes Palmöl das Problem ist. Wie es in diesem Punkt weitergehen soll, ist unklar.

Foto: Pixabay

Nachhaltiges Palmöl

Der Hinweis auf nachhaltig erzeugtes Palmöl führt direkt zu möglichen Zertifizierern. Zwei grosse sind der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) und die International Sustainability and Carbon Certification (ISCC). Die ISCC zertifiziert vor allem auf dem Sektor der Bioenergie. Hier ist die Zertifizierung der gesamte Erzeugungskette gesetzlich vorgeschrieben. In Lebensmitteln und Kosmetika muss Palmöl nicht zertifiziert sein. Wer ein Zertifikat erwerben möchte, wendet sich zum Beispiel an den RSPO. Dann gilt es folgende acht Prinzipien zu beachten: 

 

1.  Bekenntnis zu Transparenz 

2.  Einhaltung von Gesetzen und sonstigen rechtlichen Bestimmungen, zum Beispiel die rechtmässige Nutzung von Anbauflächen 

3.  Bekenntnis zu langfristiger wirtschaftlicher Tragfähigkeit 

4.  Anwendung angemessener, bewährter und vorbildlicher Methoden durch anbauende Betriebe und Mühlen, zum Beispiel zur langfristigen Wahrung der Bodenfruchtbarkeit und Erosionsvermeidung 

5.  Verantwortung gegenüber der Umwelt und Wahrung natürlicher Ressourcen und der Biodiversität 

6.  Verantwortungsvolle Berücksichtigung der Angestellten und betroffener Individuen und Gemeinden 

7.  Verantwortungsvolle Erschliessung von neuen Anbaugebieten 

8.  Bekenntnis zur kontinuierlichen Verbesserung in Haupt-Arbeitsgebieten oder beim Einsatz von Agro-Chemikalien. 

 

Quelle: www.forumpalmoel.org

Kritik an der Zertifizierung

Wie jedes Zertifizierungssystem muss sich auch der RSPO Kritik gefallen lassen. So gestattet er weiterhin das Trockenlegen von Torfböden, was als besonders klimaschädlich gilt. Auch wäre die Zertifizierung von Kleinbauern wünschenswert. Das scheitert an verschiedenen Dingen: Viele kennen die Zertifizierung oder ihren Nutzen nicht, es fehlt ihnen der Zugang zu den Lieferketten oder sie können die Kosten nicht tragen. Wie so oft könnte also alles viel besser sein, aber es ist immerhin ein Anfang

Foto: unsplash

Palmöl und Gesundheit

Neben allen politischen und umweltrelevanten Überlegungen sind bei einem Lebensmittel auch die Auswirkungen auf die Gesundheit interessant. Hier findet man derzeit ein gemischtes Bild: Palmöl liefert die fettlöslichen Vitamine E und A. Vitamin A ist wichtig für Sehkraft, Immunsystem und Haut. Vitamin E wirkt antioxidativ und kann so die Zellen des Körpers schützen. Andererseits gibt es Meldungen darüber, dass Palmöl sogenannte Glycid-Fettsäureester enthält. Es gilt als „wahrscheinlich krebserregend“. In Palmöl stecken ausserdem viele gesättigte Fettsäuren, die als weniger gesund gelten. Insgesamt besteht zu den gesundheitlichen Wirkungen von Palmöl, zum Beispiel auf den Cholesterinspiegel, noch Forschungsbedarf.


Julia Icking 

ist Diplom-Ökotrophologin und seit 2013 freiberufliche Texterin im „Textbüro – Lebensmittel und Ernährung“ in Bonn.

Sie schreibt Texte für Blogs, Webseiten, Broschüren, Newsletter und Zeitschriften über Warenkunde, gesunde Ernährung, Lebensmittel und deren Qualität. 

Copyright: Michael Wollschläger


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